Network Computing

Stadtverkehr  

Von: Michael Piontek

Michael Piontek

 

 

Michael Piontek

Redakteur

München ist eine Stadt voller »Zug’reister«. Diese haben sich meist gut eingerichtet zwischen den wenigen echten Bayern. Ihre Wurzeln aber sind untrennbar mit der fernen Heimat verflochten. Dort tanken sie Energie, nicht zuletzt dank der Eltern und besten Freunde, die die heimatlichen Zonen nicht verlassen wollen. Lange Autofahrten sind unverzichtbar, um sein Gesicht hin und wieder zu zeigen. Man gewöhnt sich an die Strecke, hat seine Lieblingsraststätten. Einige haben den Ausfahrten und hoffnungslose Fälle den Bäumen am Wegesrand bereits Eigennamen verpasst. Man kennt die Strecke gut, so gut, dass Zeitakrobatik zum Gehirnspaß wird. Schon hier, also noch zwei Stunden. Rekorde werden aufgestellt: »Ah, nur vier eineinhalb Stunden gebraucht, Durchschnittsgeschwindigkeit 140 Kilometer die Stunde.« Die Zug’reisten gewinnen die Autobahn lieb, drei Spuren, freie Fahrt für freie Bürger. Und sie verzweifeln auf den letzten Metern, da der Stadtverkehr die mühsam erarbeitete Zeit schluckt. Die schwarze Limousine, die man vor einer halben Stunde überholte, steht mit breit grinsendem Fahrer plötzlich neben einem. Die Stadt, für Kutschen und Fußgänger gebaut, ist nicht fähig, die Blechmassen zu verkraften, die die schnellen Autobahnen an ihrer Peripherie ausspuckt.

 

IP-Paketen geht es nicht viel anders. Während sie in Lichtgeschwindigkeit um den Globus jagen, müssen sie sich auf der letzten Meile durch alte Telefonkabel quetschen. Dahin geht die gewaltige Reisegeschwindigkeit in Leitungen, die für Sprache, aber doch nicht für Datentransfers gedacht waren. Das wollen einige Unternehmen nicht mehr hinnehmen, wie eine Studie von Infonetic Research belegt. Sie fordern Ethernet pur auch auf der letzten Meile, damit sie ihr Wissen um interne Frames und Jitter auch in der WAN-Leitung anwenden können. Der Artikel »Glänzende Pionierarbeit« ab Seite 42 beschreibt, wie die Stadtnetzbetreiber ihre Infrastruktur umrüsten wollen, damit sie die Pakettechnik bis zum Kunden durchreichen können.

 

Die Glasfaser, die digitale Autobahn des Web, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Aber nicht nur im Weitverkehrsnetz, sondern auch im LAN. Denn die Hochgeschwindigkeitstechnik 10 GBit/s kann bisher nur auf diesen Transportwegen laufen. Eine Spezifikation für Kupfer ist angedacht, aber noch Jahre entfernt von der Standardreife. Wer den Systemwechsel von 1 auf 10 GBit/s schon heute vollziehen möchte, kommt um die Fiber nicht mehr herum. Im Artikel »Lichtfestspiele« ab Seite 38 wird aufgezeigt, wie eine solche moderne Datenautobahn funktioniert und aus welchen Bausteinen sie besteht.

 

Die Stadt München hat übrigens dazugelernt und baut ihren »Mittlerer Ring« aus, ein Ring aus Ausfallstraßen, die den Verkehr am Stadtkern vorbeischleusen. Dieser verstopfte Straßenring wird in vierspurige Tunnel verlegt, damit der langsame Stadtverkehr die Blechlawine nicht mehr ausbremst. Das Autobahnprinzip wird vom inneren Kreis stückweise adaptiert. Die Stadt kann so die zurückkehrenden Zug’reisten schneller in ihrem Herzen aufnehmen.

 

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