Buyer's Guide: IP-Telefonie – Mit dem Aufkommen von Voice-over-IP verändert sich die TK-Anlagenlandschaft in den Unternehmen. Dabei kann IP-Telefonie nicht nur Kosten sparen, sondern schafft auch neue Möglichkeiten. Die Frage des Standards für VoIP scheint sich zu Gunsten von SIP zu entscheiden.

Die Idee, mit Voice-over-IP digital im Unternehmen und nach außen zu telefonieren, gibt es schon länger. Doch erst jetzt sieht es so aus, als erobere sich die IP-Telefonie ihren Platz im Unternehmen. Die Zuverlässigkeit herkömmlicher TK-Anlagen oder lange Leasingverträge waren Gründe nicht zu wechseln. Für die IP-Telefonie spricht einmal die Einsparung von Gebühren. So entfällt bei Gesprächen über WAN-Verbindungen mittels VoIP wie zwischen der Zentrale und einer Filiale der Weg über das öffentliche Telefonnetz (PSTN, Public-Switched- Telephone-Network). Ein zweiter Grund, Kosten zu sparen, ergibt sich durch die Konsolidierung (Konvergenz) von Daten- und Telefoninfrastruktur. IP-Telefonie schafft aber auch neue Möglichkeiten. So lassen sich VoIP-Server in bestehende CRM- (Customer-Relationship- Management)- oder ERP-Anwendungen (Enterprise- Ressource-Planning) integrieren. So bekommt der Sachbearbeiter etwa bei einem Anruf eines Kunden gleich die passenden Informationen aus dem CRM-System.Aber auch neue Telefonanwendungen sind möglich. Anwesenheitsinformationen (Präsenz) steuern beispielsweise, wie die IP-Anlage Anrufe behandelt. Hat sich ein Unternehmen für VoIP entschieden, steht als eine wichtige Frage die Wahl des passenden Standards an. Die zwei Hauptkonkurrenten sind der etablierte und lang entwickelte Standard H.323 und der aufstrebende Neuling SIP (Session-Initiation-Protocol).
Neue Möglichkeiten
Mit Voice-over-IP entstehen neue Möglichkeiten, die Telefonie im Unternehmen zu steuern und zu nutzen. Dazu gehören Konferenzen,Präsenz-, Mobility-, Collaboration- oder CTI-Anwendungen (Computer-Telephony-Integration). Bei Collaboration stellt ein Multimedia-Server beispielsweise Video-Konferenzen, Instant-Messaging, Chats, File-Sharing oder Ähnliches zur Verfügung. Mit CTI wachsen PC und Telefon zusammen. Ein CTI-Server führt ein zentrales Telefonbuch. Anwender wählen aus diesem, Notes, Outlook oder CRM-Anwendungen Telefonnummern über den PC an. Auch die Integration mit dem »Live Communication Client« (Nachfolger des MS-Messengers) bieten Hersteller an. Journalfunktionen geben Übersicht über die erfolgten Telefonate.
Bei Präsenz-Anwendungen kann einmal ein entsprechender Server verwalten,welche Nutzer sich angemeldet haben, also online sind. Diese Daten fragen wiederum andere Anwendungen ab, um dem Mitarbeiter bestimmte Kommunikationsmöglichkeiten zu bieten. Als eine andere Möglichkeit entscheidet der Anwender, wer ihn wann wie erreichen darf. Bestimmte Anrufer leitet die Anlage beispielsweise auf das Handy um.Andere bekommen dagegen nur den Anrufbeantworter zu hören. Mobility-Lösungen ersparen es beispielsweise Anrufern, alle Rufnummern durchzuprobieren, um den gewünschten Partner zu sprechen. Stattdessen ist dieser über eine zentrale Rufnummer auch mobil zu erreichen. Lösungen integrieren dazu beispielsweise GSM- oder Dect- Telefone.
Protokollangelegenheiten
Mit H.323 und SIP sind die beiden Hauptakteure für VoIP-Standards genannt. Daneben gibt es noch SCCP (Skinny-Client-Control-Protocol). Dies ist ein proprietäres Cisco-Protokoll für Kommunikation von Clients und »Call- Manager«-Telefonie-Server. Aus dem Open-Source-Bereich dagegen kommt IAX2. Es wird von der frei verfügbaren Telefonie-Anlage »Asterisk« verwendet. Bei H.323 handelt es sich eigentlich um eine ganze Protokollfamilie. Von H.323 gibt es mittlerweile vier Versionen,wobei Hersteller nicht immer alle implementiert haben.Auch bei SIP gibt es weitere Protokolle. So dient SIP nur für die Signalisierung. Die Sprachübertragung erfolgt per RTP (Realtime-Transport-Protocol). Während H.323 binär codiert (ANS.1), ist SIP ein Text-orientiertes Protokoll und somit direkt lesbar. SIP hat vor allem durch den Einsatz in der Internet-Telefonie an Popularität gewonnen. Durch seine Flexibilität und Einfachheit implementieren es aber immer mehr Anlagenhersteller. H.323 ist dagegen ist ausgereift, aber deutlich komplizierter. SIP befindet sich, verglichen mit H.323, noch in der Entwicklung.
Bei SIP startet ein User-Agent-Client die Anrufe, ein User-Agent- Server nimmt diese entgegen. Zu den SIP-Komponenten im Netz gehören etwa SIP-Registrar, SIP-Proxy, SIP-Redirect-Server oder SIP-Location-Server. Gateways sorgen für den Übergang zu anderen Telefonnetzen/Protokollen wie ISDN. Damit ein Anwender telefonieren kann,muss sich der SIP-Client erst mit Name und Gerät bei einem Registrar-Server anmelden. Der Location-Server verwaltet,wo sich welche angemeldeten Clients befinden. Dessen Informationen benutzt etwa der Redirect-Server für die Weiterleitung. Der Proxy bildet die zentrale Anlaufstelle. Er übernimmt das Call-Routing im SIP-Netzwerk oder leitet Anrufe weiter. Auch bei H.323 sorgen Gateways für den Übergang zu anderen Medien. Die Endpunkte werden Terminals genannt. Der Gatekeeper übernimmt Management und Kontrolle innerhalb einer H.323-Zone.
Er ist nicht für den Betrieb notwendig.Bei Verwendung bekommt er aber die Herrschaft.Verbindungen zwischen mehr als zwei Teilnehmern baut eine Multipoint-Controller-Unit (MCU) auf. Öfters taucht auch der Begriff »Megaco/H.248« (Media-Gateway- Control) auf. Dieses dient zur Kommunikation zwischen Media-Gateways und dem zugehörigen Controller.Media-Gateways stehen zwischen verschiedenen Telefonnetzen und konvertieren etwa zwischen ISDN und H.323.MGCP (Media-Gateway-Control-Protocol) ist ein Vorläufer von Megaco. Eine Protokoll-Rubrik machen die so genannten Codecs auf. Sie sorgen für die Digitalisierung beziehungsweise Rückwandlung der Sprache.Vertreter sind G. 711 (mu-law, a-law), G.723.1, G.726 oder G.729A/B. Sie unterscheiden sich in der Sprachqualität und damit auch in der benötigten Bandbreite im Netzwerk voneinander.
Das Herzstück
Bei aufHardware-beruhenden IP-Telefonie-Servern liefert der Hersteller eine komplett eigene Lösung: die Hardware mit passenden Komponenten und dem speziellen Betriebssystem wie »VxWorks«. Bei einer reinen Softwarelösung läuft das System dagegen auf Standard- Server-Hardware und einem typischen Betriebssystem wie Windows-Server oder Linux. Eventuell liefert der Hersteller aus Sicherheitsgründen ein gehärtetes Betriebssystem mit.Weiter wurden für herkömmlichen TK-Anlagen auch IP-Module entwickelt (Hybrid-Systeme). Schließlich gibt es VoIP-Telefonie auch als Hosting- Lösung.Beim Anbieter steht der Server, im Unternehmen nur Schließlich gibt es auch Multifunktionsansätze. Hier kombiniert der Hersteller seine IP-Telefonie- Lösungen mit weiteren Netzwerk-Komponenten. Das können DHCP-Server, Router, Switch,VPN oder Firewall sein.Anbieter sind hier beispielsweise AVM, Cisco, Funkwerk. Lancom oder Samsung. Solche Systeme bieten sich eher kleinen und mittelständischen Unternehmen oder Filialen an.
Der Ausfall der Telefonie kann einem Unternehmen noch viel mehr wehtun, als wenn das LAN nicht mehr funktioniert. Passende Redundanzkonzepte sind dann Pflicht. Dies sind etwa Raid-Platten oder doppelte Stromversorgung. Cluster schützen, falls ein Server komplett nicht mehr läuft. Bei verteilten Telefonie-Servern übernimmt einfach eine Anlage an einem anderen Standort die Aufgaben. Bei einem alternativem Routing wählt die lokale Anlage etwa in einer Filiale den Weg über das öffentliche Netz, solange die WAN-Verbindung ausfällt. Die meisten Unternehmen fangen beim Einstieg in VoIP nicht auf der grünen Wiese an. Sie müssen daher ein Migrationskonzept für den Wechsel zur IP-Anlage entwickeln. Daher ist es wichtig zu wissen,welche Möglichkeiten der neue Telefonie-Server zur Anlagenkopplung mitbringt. Möglichkeiten sind Q.SIG, SIP, ISDNPRI/- BRI oder »H.323 Annex M.1«. Letzteres tunnelt Q.Sig-Nachrichten über H.323.

Ohne Telefon geht nichts
Zu jedem IP-Server gibt es die passenden Gegenstücke: Die IP-Telefone. Jeder Hersteller hat daher die zu seiner Anlage entsprechende Telefone im Programm. Diese sind in der Regel so genannte Systemtelefone. Da der jeweilige Telefonie- Standard nicht alle gewünschten Funktionen abdeckt, haben die Hersteller diesen für ihre Anlagen und Telefone erweitert.Mit SIP ändert sich die Landschaft ein bisschen. Erstmals ist es relativ einfach möglich, das SIP-Telefon mit der SIP-Anlage eines anderen Herstellers zu koppeln. Die Telefone können dann aber nicht die volle Funktionalität der Anlage nutzen, was aber auch nicht immer notwendig ist. Neben den Hardware-LAN-Telefonen gibt es auch noch Softphones, die auf einem PC oder Laptop laufen, sowie Geräte für Wireless-LANs.
Mittels Power-over-Ethernet (PoE) erhält ein Telefon den Strom über das Netzwerk.Hilfreich für die Netzwerkstrukturierung ist auch eine direkte VLAN-Unterstützung. Ein Fast- oder Gigabit-Ethernet-Switch mit zwei Ports schließt den PC direkt an das Telefon an. SRTP (Secure- RTP) und SIPS (SIP-Secure) sichern bei SIP Anrufsignalisierung und Gespräch ab. Für H.323 gibt es den Standard H.235. Für hohe Sicherheit kann sich ein Telefon über X.509-Zertifikate am Telefonie-Server authentifizieren. Für Ende-zu- Ende-Schutz gibt es auch Telefone mit integriertem VPN-Client. Bei der Hotdesk-Funktion erhält das aktuelle Telefon etwa über PIN-Eingabe die Einstellungen des jeweiligen Mitarbeiters. Damit sich ein Wireless-LAN für IP-Telefonie nutzen lässt, muss es entsprechend geplant werden.Auch die WLAN-Infrastruktur muss den VoIP-Einsatz unterstützen. Leider erfüllen WLAN-IP-Telefone in der Regel nicht die gleichen Sicherheitsstandards wie anderes WLANEquipment.
Das Netzwerk nicht vergessen
VoIP ist zwar nur eine weitere Anwendung im Netzwerk. Diese hat aber spezielle Anforderungen an die Infrastruktur etwa bei Netzwerkparametern. Dazu gehören Jitter,Verzögerung,Paketverlust oder Ende-zu-Ende-Laufzeit. Entsprechende Prüfungen müssen vorher klären,ob es für eine passende Sprachqualität reicht. Eventuell folgende Maßnahmen sind dann etwa der Austausch von Switches.
wve@networkcomputing.de
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