Network Computing

Kontroll-Freaks  

Von: Dirk Jarzyna

 

 

 

Dirk Jarzyna,

 

Redakteur

Anfang bis Mitte der 1990er Jahre stand ich als System-Engineer in Diensten eines großen IBM-System-Vertriebspartners. Zu meinem Aufgabenbereich gehörte die technische Betreuung der Kunden vor Ort, was bedeutete, dass ich wöchentlich mindestens drei Tage außer Haus war. Ich war ausgerüstet mit einem portablen Computer, der damals noch die Größe eines Aktenkoffers hatte, einem Modem und Software, die mich bei Netzwerkplanungen, bei Programminstallationen und beim Troubleshooting unterstützte. Auf der Festplatte befand sich außerdem Software für die Verbindung zu Compuserve – zu jener Zeit (das Internet startete in Deutschland gerade erst) war dies ein für IT-Profis sehr wertvoller Onlinedienst – und ein Programm, das mir den Zugriff auf meinen Bürocomputer und darüber auf das interne Firmennetzwerk erlaubte. Bei mir zu Hause stand ein selbst finanzierter PC nebst Modem mit identischer Software und vergleichbarer Funktionalität. Support aus der Unternehmenszentrale benötigte ich nicht, denn ich war ja selbst einer der »Supporter«. Unter rein technischen Gesichtspunkten besaß ich also schon damals alles, was mich zum echten Telecommuter hätte machen können, der sein Büro nur noch dann aufsucht, wenn es bestimmte Tätigkeiten oder Aufgaben erfordern.

 

Leider gab es zwei Aufgaben, die meine tägliche Präsenz in der Firmenzentrale nach Ansicht der Geschäftsführung unbedingt erforderlich machten: Jeden Morgen Punkt 7.55 Uhr fand für alle System-Engineers und Vertriebsbeauftragte eine fünfminütige Besprechung statt, die allein dazu diente, dem Abteilungsleiter mitzuteilen, welche Kunden im Laufe des Tages besucht werden würden. Natürlich vergaß das der Abteilungsleiter unmittelbar nach der Besprechung wieder – er musste es sich auch gar nicht merken, denn wenn er einen seiner Mitarbeiter erreichen wollte, schaute er in einer Liste nach, die jeden Freitag für die komplette Woche angefertigt wurde. Nach dieser Besprechung gingen die einzelnen Mitarbeiter dann hinunter zum Empfang, um sich in einer dort zusätzlich ausgelegten Liste als »außer Haus« einzutragen. Offizieller »Dienstschluss« in dieser Firma war um 17.00 Uhr. Jeder Außendienstler war angehalten, sich bis 17.00 Uhr wieder in der Firmenzentrale einzufinden, um sich in der Liste beim Empfang als »wieder da« einzutragen. Wer es bis zu dieser Zeit nicht schaffte, sich physisch zurückzumelden, musste dies samt Begründung telefonisch tun. Ich habe nie ausgerechnet, wie viel Zeit ich wegen diesem Blödsinn unproduktiv im Auto verbrachte – und wie viel Geld dies die Firma kostete.

 

Welchen Schluss kann man aus diesem Beispiel ziehen? Trotz all der wunderbaren, heute verfügbaren (und in dieser Ausgabe beschriebenen) Remote-Access- und Remote-Control-Technik wird eine Home-Office- oder Mobile-Office-Strategie nie effizient funktionieren, wenn das Management weiterhin die »Kontrolle« ihrer Mitarbeiter so engstirnig sieht.

 

Herzlichst, Ihr Dirk Jarzyna

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